PER RIKSCHA DURCH SUEDOSTASIEN
Ein Reisebericht von Thomas Bauer
Dritter Teil: Von Bangkok nach Singapur


Hitze.
Schwuele Hitze.
Hitze wie ein nasses Handtuch in der Sauna.
Hitze, die vom Boden aufsteigt, von den Huegeln herabkriecht.
Hitze, die sich um mich legt wie eine Zwangsjacke.
Hitze, die alle Poren der Haut oeffnet und herauszieht, was darunter ist.

Seit ich Bangkok verlassen hatte, wurden die Bedingungen um mich herum zunehmend tropisch. Kokosnuesse fielen neben der Strasse zu Boden. Linkerhand erstreckten sich kilometerweit Gummibaumplantagen. Mehrmals taeglich ringelte sich eine Schlange die Strasse entlang. Und meine Kekse teilte ich waehrend mancher Pause mit Makaken, die aus den angrenzenden Waeldern gekommen waren.

Die Hitze, in Kombination mit einer ungesund hohen Luftfeuchtigkeit, machte mir zusehends zu schaffen. Bereits zehn Pedalumdrehungen nach meinem Aufbruch von Bangkok war ich schweissgebadet. Nach einer Viertelstunde legte sich das T-Shirt um mich wie eine zweite Haut. Nach einer Stunde hatte ich das Gefuehl, ich zoege einen Streifen aus Schweiss hinter mir her. Dabei war es erst kurz nach neun Uhr morgens.

Auch die Menschen, denen ich begegnete, veraenderten sich auf dem Weg nach Sueden. Die Maenner trugen Rebellion im Blick, schauten mir herausfordernd in die Augen. Die Frauen gruessten mich mit Augenaufschlaegen; ihre Kopftuecher wehten im Wind, wenn sie auf ihren Mopeds an mir vorbei fuhren. Die Verkaeufer bewegten sich ungleich zackiger als im Norden. Niemand verbeugte sich mehr, wenn er etwas sagte. Der Buddhismus verlor mit jedem Kilometer an Kraft. Das islamisch gepraegte Malaysia kuendigte sich an.

Eine Sache sollte jedoch in ganz Thailand gleich bleiben – egal ob ich mich im buddhistischen Norden oder im islamisch gepraegten Sueden aufhielt. In Deutschland stellt die Hupe eines Autos oder Motorrads ein Warnsignal dar, das eine akute Gefahrensituation anzeigt. In Thailand ist die Hupe hingegen ein vielseitig einsetzbares Multifunktionsinstrument. Sie wird betaetigt, um andere Verkehrsteilnehmer zu begruessen und zu verabschieden. Ein thailaendischer Autofahrer hupt grundsaetzlich, bevor er ueberholen will, waehrend er ueberholt, und nachdem er ueberholt hat. Er hupt ausserdem, wenn er selbst ueberholt wird, und generell vor, in und nach einer Kurve. Die Hupe erfreut sich des Weiteren in diesem Land grosser Beliebtheit als Blinker- und als Bremsersatz. Und etliche Verkehrsteilnehmer, davon war ich taeglich fester ueberzeugt, betaetigten dieses Instrument schliesslich, um sich davon zu ueberzeugen, dass das wichtigste Teil ihres Fahrzeugs noch funktionierte.

Schwitzend, mit dem staendigen Laerm in den Ohren, erreichte ich Malaysia. Hier aenderte sich erstmals das Wort, das mir die Kinder auf meinem Weg hinterher riefen. Statt ”Falang”, Langnase, wurde ich ab sofort ”Madsale” genannt. Diese Bezeichnung gilt fuer alle westlichen Auslaender und geht zurueck auf das englische “Mad Sailor”. Weder die britischen, noch die portugiesischen und hollaendischen Seefahrer, die das malaysische Malakka einst als Handelshafen nutzten, waren dem Alkohol abgeneigt – und pflegten nach ausufernden Gelagen alberne Dinge zu tun.

Ueber eine dreizehn Kilometer lange Bruecke, die laengste in Suedostasien, erreichte ich die Insel Penang. Seit jeher ist dieses Fleckchen Erde ein beliebtes Auflugsziel deutscher Touristen. Hermann Hesse und Karl May waren hier gewesen. Insofern machte es Sinn, dass mich die  Malaysisch-Deutsche-Gesellschaft zu einem Vortrag ueber meine Rikschafahrt eingeladen hatte. Eine Bruecke zu meinen fuenfzig Zuhoerern baute ich, indem ich auf ein international verstaendliches Mittel zurueckgriff: Auf Humor. Ich demonstrierte den Farbunterschied zwischen Ober- und Unterarm, berichtete von meinen Kommunikationsschwierigkeiten in Thailand und schilderte plastisch, wie ich in Suedlaos Ratte gegessen hatte. Dabei merkte ich, dass es mir gut tat, die Eindruecke, Begegnungen und Erlebnisse meiner Reise auf diese Weise Revue passieren zu lassen. Der Vortrag stellte zudem eine gute Uebung dar: In Singapur sollte ich, abermals in Englisch, eine aehnliche Veranstaltung vor ueber zweihundert Zuhoerern halten.

Die sich anschliessende Strecke zwischen Kuala Lumpur und Malakka fuehrte mir eindrucksvoll vor Augen, wie multikulturell Malaysia ist. Hinduistische und chinesische Tempel, Kirchen und Moscheen liess ich auf beiden Seiten der Strasse hinter mir. Manchmal befanden sich die Gebaeude von drei verschiedenen Weltreligionen in derselben Strasse, in Sichtweite voneinander. Einmal mehr waren die klimatischen Bedingungen etwas fuer Schlangen und Insekten. Fuer einen Rad fahrenden Mitteleuropaer war es gefuehlte zwanzig Grad zu heiss, und die Tatsache, dass sich die Luft bereits kurz nach dem Aufstehen anfuehlte wie ein heisser Wadenwickel trug nicht wesentlich zur Leistungssteigerung bei. Ich entschloss mich, jeden Tag eine lange "siesta" einzuhalten. In einem Restaurant kurz vor Malakka ass ich kleingeschnittene Haifischflossen mit einer Sosse aus reichlich Knoblauch, Soja und salziger Fischpaste. Abgerundet wurde mein Festmahl durch Eier der Roten Waldameise.

Als ich Malakka erreichte, waren die Strassen voller Loewen und Drachen. Reihen roter Lampions zogen sich von Haus zu Haus. Comicfiguren schmueckten die Schaufenster. Ueberall wurden mir paarweise Orangen entgegen gehalten. Das Spektakel wird “Chinesisches Neujahrsfest“ genannt und wuerde die Stadt vier Tage lang in Atem halten. „Willkommen im Jahr der Ratte“, begruesste mich der Inhaber des Hotels, in dem ich Unterschlupf gefunden hatte. Dieses Tier schien mich waehrend meiner Rikschatour dauerhaft zu begleiten.

Ich erreichte Singapur am Morgen des elften Februar. Wie eine Verheissung erhoben sich seine Wolkenkratzer vor mir, waehrend ich zwei Zollbeamten drei Mal versichern musste, dass ich in den vergangenen sechs Monaten nicht in Afrika gewesen war und sie darum keine Angst haben mussten, dass ich den AIDS-Virus in ihre Stadt brachte.

Der Tachometer meines SMIKE zeigte dreieinhalbtausend Kilometer an. Ich hatte geschafft, woran ich bis zuletzt gezweifelt hatte: Ich hatte diese Strecke in nur vierzig Tagen vollendet. Es war das ambitionierteste Vorhaben gewesen, das ich je in die Tat umgesetzt hatte. Immerhin besass ich zuhause nicht einmal ein eigenes Fahrrad.

Eigentlich bin ich ja gar kein Radfahrer.

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