PER RIKSCHA DURCH SUEDOSTASIEN
Ein Reisebericht von THOMAS BAUER
Teil zwei: Von Phnom Penh nach Bangkok

Knapp fuenfzehn Millionen Einwohner hat Kambodscha, und heute kam es mir vor, als haetten sie sich alle auf den Weg in die Hauptstadt gemacht. Rikschafahren in Phnom Penh, das wurde mir schnell klar, gehoerte zu den grossen Herausforderungen, die sich mir im Laufe meines Lebens in den Weg stellen. Eine Armada von Mopedfahrern knatterte um mich herum. Wie ein Wespenschwarm kam sie mir vor; geschickt nutzten ihre Mitglieder die wenigen Luecken aus, die sich vor mir auftaten. Am Strassenrand schepperten Fahrradrikschas ueber Schlagloecher, zogen Verkaeufer Garkuechen an verbogenen Holzstaeben hinter sich her. Und immer wieder spritzte unsere Formation auseinander, wenn sich ein Uraltlaster sprotzend seinen Weg durch den Tumult bahnte.

Man sieht Phnom Penh an, dass es vor wenigen Jahrzehnten vom Terrorregime der Roten Khmer evakuiert und weitgehend zerstoert worden ist. Direkt neben Hausruinen und vor Hinterhoefen, die aus nichts als Schutt bestehen, schiessen moderne Hotelanlagen aus dem Boden. Seit westliche Touristen Kambodscha als Reiseland entdeckt haben, verdoppeln sich alle sechs Monate die Eintrittspreise fuer Museen und weitere Sehenswuerdigkeiten in der Hauptstadt, ohne dass sich die jeweils entsprechende Gegenleistung in irgendeiner Weise veraendern wuerde.

Vermutlich ist kein Land der Welt derart fuer eine einzige Attraktion bekannt wie Kambodscha fuer die Tempelanlagen von Angkor. Angkor ist omnipraesent, man begegnet dem Begriff auf Schritt und Tritt. Es gibt Angkor-Kekse, Angkor-Bier und ein erfolgreiches Halbschuhmodell namens „Angkor Wat Explorer“. Jedes zweite Restaurant hat den Namen in irgendeiner Weise in seinen Titel integriert. Kambodschas oekonomische Entwicklung verlaeuft ruckartig und bleibt undurchsichtig; die Korruption ist im ganzen Land praktisch mit den Haenden zu greifen. Da ist es wohl symptomatisch, dass das Leibgericht der Kambodschaner „Amok“ heisst und aus einer Mischung an Zutaten besteht, die westliche Gaumen kaum enschluesseln koennen.

Wenn es nur eine Strasse geben wuerde, die diesen Namen verdiente! Mit jedem Tag, den ich im Dreck und Staub unterwegs war, war ich verblueffter, dass ich noch immer ein Fahrrad unter mir hatte. Mit zwanzig Stundenkilometern krachte mein SMIKE in badewannengrosse Schlagloecher. Der Beiwagen vollfuehrte tollkuehne Bockspruenge, wenn ein Stein oder ein Stueck Holz unter sein Rad geriet. Auf den Abschnitten mit Wellblech wurden wir beide durchgeruettelt wie bei einem Schuettelfrost. Von oebn bis unten besudelt gelangte ich schliesslich nach Poipet, die letzte kambodschanische Stadt vor der thailaendischen Grenze. Mein Zustand passte indessen gut zu jenem der Stadt. Poipet strengt sich an, um sein Image als schmuddeliger Suendenpfuhl aufrecht zu erhalten. Statt beispielsweise in Strassenbaumassnahmen zu investieren, zog man vor zwei Jahren neben den aufgereihten Bordellen einen immensen Kasinokomplex hoch, dessen gepflegte Glasfront heftig mit den Bettlern und Minenopfern kontrastiert, die junge Thailaender vor der Eingangstuer um ein paar Baht bitten.

Was fuer ein Wechsel fand hingegen statt, als ich nach Thailand gelangte! Unmittelbar nach der Grenze begann die Zivilisation, und nach den Entbehrungen der vergangenen zwei Wochen sehnte ich sie herbei. Ehre sei den thailaendischen Strassenbauern, denn sie haben ganze Arbeit geleistet! Gelobt seien die Oreo-Kekse (ganz besonders die mit Erdnussbutter), die ich ab sofort wieder am Strassenrand kaufen konnte. Ein dreifaches Hoch auf den real existierenden Kapitalismus, der diese Errungenschaften ermoeglicht hat!

„One night in Bangkok, and the world’s your oyster“, sang ich lauthals, waehrend ich der Hauptstadt entgegen fuhr. Es war gar nicht einfach, den naeselnden Gesang nachzuahmen, den ich immer wieder unter Einsatz meiner Fahrradklingel mit Queens „Bicycle Race“ kombinierte. Ab hier hatte ich keinerlei Probleme mehr, etwas Essbares aufzutreiben. In Thailand scheint eine Haelfte der Bevoelkerung permanent damit beschaeftigt zu sein, fuer die andere zu kochen. Bangkok erforschte ich schliesslich ganz dekadent per Taxi. Wie ueblich verlangte der Fahrer fuer die vierstuendige Fahrt einmal „Nicht-der-Rede-wert“, was ich mit „So-gut-wie-nichts“ als Trinkgeld anreicherte. Einer der Vorteile, in Muenchen zu wohnen, ist, dass einem praktisch alle anderen Orte auf der Welt guenstig vorkommen.

Nantopol Limpatyakrom, so der Name meines Taxifahrers, der gross auf einem Pappschild stand, das er um den Hals trug, fuehrte mich souveraen durch ein Gewirr von vierspurigen Autobahnen, ueber groessenwahnsinnige Brueckenanlagen hinweg und in vollgestopfte Einbahnstrassen hinein. Ich hatte gut daran getan, die thailaendische Hauptstadt nicht per Rikscha zu erkunden. Nach einem Tag voll fremder und extremer Eindruecke suchte ich eines der uebelsten Hotels der Stadt auf, das sich geografisch guenstig am Suedrand befand. Von hier aus sollte es morgen weitergehen. Anderthalbtausend Kilometer fehlten noch bis Singapur. Anderthalbtausend Kilometer in zwei Wochen; das war wohl das, was man ein „ehrgeiziges Programm“ nennt.