Heute am 18.01.2008 bekamen wir unseren ersten Bericht von Thomas Bauer

PER RIKSCHA DURCH SUEDOSTASIEN
Ein Reisebericht von THOMAS BAUER
Teil eins: Von Vientiane nach Phnom Penh

IM STRASSENVERKEHR HOERT DIE ASIATISCHE HOEFLICHKEIT AUF
Ein gewaltiges Scheppern kuendigte den Lastwagen hinter mir an, der sich die schlaglochuebersaete Strasse von Vientiane nach Savanaketh entlang quaelte. Als das Ungetuem direkt neben mir war, drueckte sein Fahrer zur Sicherheit mit beiden Haenden auf die Hupe. Es haette ja sein koennen, dass ich den Sechzehntonner nicht bemerkt hatte. Immer wenn eine solche Hupe keinen Meter Luftlinie von mir entfernt ertoente, zuckte ich zusammen, waehrend ein Pfeifen in meine Ohren fuhr und mein Magen heftig um die eigene Achse rotierte. Im Strassenverkehr, das hatte ich fruehzeitig bemerkt, hoerte die asiatische Hoeflichkeit auf. Jede Strasse war in Wahrheit eine Rennstrecke. Es gewann, wer die lautere Hupe einsetzen und die kleinen Luecken im Verkehrsgewusel ausnutzen konnte. Ein Radfahrer bot grundsaetzlich die Moeglichkeit einer solchen Luecke, weil er immer noch ein paar Zentimeter nach rechts ausweichen konnte. Selbst wenn dort bereits der Strassengraben begann.

Vientiane – Singapur, das bedeutete eine Reise von einer Welt in eine andere. Hier die angenehm schlaefrige Hauptstadt von Laos, deren Entwicklung aehnlich langsam zu verlaufen schien wie der Fluss des Mekong, der traege an ihr vorbei fliesst. Dort hingegen das in die Hoehe strebende, von klimatisierten Einkaufszentren durchsetzte Singapur. Beide Staedte repraesentieren einen Teil des heutigen Asien, und gerade der Spannungsbogen zwischen uralten Traditionen und ausuferndem Kapitalismus, zwischen buddhistischer Gelassenheit und glitzerndem Groessenwahn verleiht der Region einen besonderen Reiz. Vientiane – Singapur, das war das verrueckteste Vorhaben, das ich jemals in die Tat umgesetzt hatte. Verrueckt vor allem deshalb, weil ich mir fuer die Reise ein ganz besonderes Fahrzeug ausgesucht hatte. Die Firma SMIKE aus Luzern war so freundlich gewesen, mir eine ihrer Rikschas zu ueberlassen. Voll bepackt wog sie sechzig Kilogramm. Einhundert Kilometer wollte ich damit im Durchschnitt pro Tag bewaeltigen.

WO IST DENN DER MOTOR?
Bereits waehrend der ersten Tage wurde deutlich, dass die Anwesenheit eines weisshaeutigen, langnasigen Europaers auf einem dreiraedrigen Gefaehrt die jeweilige Hauptattraktion des Tages darstellte. Kinder rannten zu Dutzenden neben mir her, Frauen winkten mir zu und Maenner riefen mir Gruesse und Anfeuerungen in einer Sprache hinterher, die sie fuer Englisch hielten. Wo auch immer ich Pause machte, bildete sich augenblicklich eine Menschentraube um mich herum. Alle wollten das SMIKE anfassen, den Reifendruck testen, mit der Sitzlehne herumspielen und das seltsame Ding begutachten, das die Kilometerzahl angab. Konnte einer der Anwesenden ein paar englische Brocken, tauchte grundsaetzlich eine Frage auf:
- “Wo ist denn der Motor?”
- “Es gibt keinen. Ich will selbst von Vientiane nach Singapur fahren.”
- “Komm schon, irgendwo muss doch ein Motor sein!”
Bei diesen Worten drueckte mein Gegenueber zumeist hoffnungsfroh auf dem Dynamo herum, bis er sich schliesslich kopfschuettelnd abwendete und auf sein japanisches oder thailaendisches Moped stieg.

Jeder Tag hielt eine Reise ins Ungewisse fuer mich bereit. Ich war umgeben von Menschen, doch praktisch keiner von ihnen beherrschte Englisch oder eine andere Fremdsprache. Ich wusste nicht, ob und wo ich essen konnte, wo ich mich gerade befand und wo wie lange es bis zur naechsten Unterkunft dauern wuerde. Am uebelsten waren die Kreuzungen. Sie tauchten unvermittelt auf und waren in den seltensten Faellen ausgeschildert. Als ich kurz vor dem Fischerdorf Pak Kading auf eine solche Kreuzung sties, deutete ich nach rechts und fragte die Menge um mich herum: “Pak Kading?”. Ich erntete eifriges Nicken und zuckersuesses Laecheln. Schon wollte ich hoffnungsvoll nach rechts abbiegen, da beschloss ich, die erhaltene Auskunft zu verifizieren. Ich deutete nach links und fragte wieder: “Pak Kading?”. Eifriges Nicken und zueckersuesses Laecheln war auch hier die Reaktion, und mir wurde klar, dass mich keener der Anwesenden verstanden hatte.

EIN FISCHERDORF IM UEBERGANG
Mein treuester Wegweiser war der Mekong, der sich – wenn ich mich auf dem richtigen Weg befand – rechts von mir von Laos auf Kambodscha zubewegte. Auf diese Weise fand ich an meinem dritten Tag auch nach Pak Kading, ein pittoreskes Fischerdorf mitten im Uebergang. Noch waren die Dorfstrassen mit glutrotem Staub bedeckt. Noch schliefen Hunde auf ihnen, und Schweine lagen in den wenigen Schattenplaetzen. Noch lag der buddhistische Tempel, von Touristen unentdeckt, idyllisch am Ufer des Mekong, von dem aus das benachbarte Thailand zu sehen war. Noch versteckten sich Kinder hinter den Beinen ihrer Eltern, sobald sie mich erblickten. Doch bereits an den Raendern der Nationalstrasse, die das Dorf von West nach Ost durchschneidet, aenderte sich der Charakter. Hier, wo mehrmals taeglich vollklimatisierte Reisebusse Touristen in die laotische Hauptstadt befoerdern und sich Fernfahrer zum gemeinsamen Bier treffen, verlangten die Doerfler bereits den doppelten Preis fuer Wasser und Suessigkeiten, und wer es sich leisten konnte, der drehte seinen Fernseher mit der neuesten Karaokemusik stolz zur Strasse hin. Was wird wohl in zehn Jahren aus dem charmanten Fischerdorf geworden sein? Werden die Kinder, die sich nicht trauten, mich zu gruessen, dann mit Mopeds ueber geteerte Strassen fahren und sich die neusten Handymodelle von Nokia und Samsung ans Ohr halten, gekauft vom Geld der Touristen, die diesen Ort entdeckt haben warden? Und fiel mir ein echter Grund ein, ihnen diese Entwicklung zu verwehren?

RATTE MIT GEMUESE ZUM ABENDESSEN
Die Sonne stand wie ein gelbes Auge am Himmel, als ich tags darauf in Nam Thone einfuhr. Wolken schienen hier Mangelware zu sein. Vermutlich befanden sie sich alle, wie so oft, in Europa und ganz besonders ueber Deutschland. Im Zickzack fuhr ich um Wasserbueffel, Hunde, Huehner herum, die sich auf der Nationalstrasse tummelten. Einmal mehr uebernachtete ich in einem Gaestehaus, das umgerechnet zwei Euro kostete und entsprechend eingerichtet war, naemlich: gar nicht. Immerhin verfuegte es ueber ein Doppelbett, auf das ich meinen “Mosquito Dome” stellte, eine ausserst hilfreiche Konstruktion, leichter als ein Zelt und zuverlaessig bei der Abwehr von Insekten aller Art. Er hielt auch die Fledermaeuse fern, die in den Waenden hausten und nachts im Raum unherschwirrten. Auf gut Glueck betrat ich sodann ein Strassenrestaurant – und dort traf ich endlich jemanden, der Englisch sprach. Ihr Name war Lham – vielleicht auch Lang oder Lam. Sie kauerte auf dem Boden des Hauses, das wie immer alles in einem war: Restaurant, Verkaufsraum, Schlaf- und Wohnzimmer. Als sie mich erblickte, steigerte sich ihr Laecheln zu einem breiten Grinsen. “Hello, I love you, what do you want?”, floetete sie mir entgegen. Ich deutete auf gut Glueck auf irgendwelche Toepfe, in denen Fleisch und Gemuese bruzzelten. Es schmeckte vorzueglich; ich wunderte mich nur, warum alles so klein war. Eine Leber, die ich verspeiste, hatte beispielsweise nur die Groesse eines Fingernagels. Ich winkte Lham, Lang oder Lam zu mir und fragte sie hoffnungsvoll : « Chicken ? » - “Rat!”, antwortete sie freundlich und zeigte mir einen Stock, auf den eines dieser Tiere gespiesst war. Ich hatte soeben Ratte mit Gemuese gegessen. Es hatte gut geschmeckt. Spaeter fragte ich Lham, Lang oder Lam, ob sie wisse, wo Deutschland liege. Klar wisse sie das, gab sie zurueck, Deutschland liege “after ocean”. Hinter dem Meer also, das war immerhin eine zutreffende Beschreibung. Bevor ich zurueck zu meinem Zimmer mit den Fledermaueusen ging, fragte ich noch, ob hier jemals ein Tourist gegessen habe. Lham, Lang oder Lam strahlte mich an und schuettelte den Kopf. “Booo”, liess sie vernehmen, was in diesem Land einer Verneinung gleichkam, “you are first!”.


Mit Tyrax in Kambotscha

weitere Berichte werden folgen